Vorwort der Sulzer Zigeunerliste von 1787 (Auszug) zum National-Charakter der Zigeuner

 

 

 

§. XXII.
Welche Rottwelsche sind. (Text nicht aufgenommen)

§. XXIII.
Ihre Sprache durch Zeichen. (Text nicht aufgenommen)

§. XXIV.
Unterschied der Zigeuner und Jauner Sprache. (Text nicht aufgenommen)

§. XXV.
Unterschied des Zigeuner= und Jauner=Gewerbs.
Die Zigeuner, von welchen die wenigste lesen und schreiben lernen, treiben selten ein Gewerb. Die Mannsleute nähren sich meistens vom Raub und von der Jagd, fertigen auch zuweilen Pulverhörner, Kochlöffel, Laist, u. d. g. und treiben nebenher auch den Porcellan Handel, die Weibsleute aber mit Wahrsagen bei leichtglaubigen, womit sie Mann und Kinder (wie z. E. die berüchtigte Mantua) oft lang erhalten.
Ausserordentliche Künste, welche den alten Zigeunern zugeschrieben werden, finden bei den jezigen nicht mehr Statt. Zur Musik hat der Zigeuner eine angeborne Neigung, und sie erfinden sich eigene Gesänge und Spiele, hingegen die Jauner, meistens ein verloffenes oder vertriebenes Gesindel aus dem Bürgerstand, treiben mancherlei Gewerb, und nähren sich damit gemeiniglich zur Sommerszeit oft Monate lang unter den angesessenen Burgeren.

§. XXVI.
Unterschied des Zigeuner und Jauner Muths.
So gleich der Zweck ist, auf welchen die Zigeuner und Jauner zum Schaden des Bürgerstandes arbeiten: So unterschieden führen sie solchen aus. Beede führen zwar Feuer= und Seiten=Gewehr, aber den Jauner treibt oft ein geringer Widerstand ab, wogegen der Zigeuner bei beträchtlichen Einbrüchen der drohenden Gefahr trozet, und sein Leben aufs Spiel sezet. Der Jauner entfernt seine Weibsleute, wann sie nicht zum Unternehmen nothwendig sind, nur einige Stunden von dem Ort, wo er zu Rauben entschlossen ist, der Zigeuner entfernt aber solche etliche Tage=Reisen von einem solchen Ort, u. s. w. davon man dis Orts viele Beispiele hat.

§. XXVII.
Was die Zigeuner mit Jaunern gemein haben. (Text nicht aufgenommen)



§. XXVIII.
Auf welche Zigeuner und Jauner vorzüglich zu fahnden seie. (Text nicht aufgenommen)

§. XXIX.
Zigeuner Krankheiten. (Text nicht aufgenommen)


§. XXX.

Zigeuner Tod und Grab.
Da die Zigeuner Störer der öffentlichen Ruhe sind, und die Landesgeseze eines civilisirten Staats durchaus nicht unter sich gelten lassen und zur Richtschnur ihres Lebens annehmen wollen, da sie das Publikum durch ihre Räubereien, und nicht selten auch durch grausame Mordthaten unaufhörlich kränken, und demselben manchmalen enormen Schaden zuziehen; So sieht sie die vor die allgemeine Sicherheit wachende Justiz als Taugenichtse und Missethäter an, und räumt sie aus dem Weeg. Da geschieht es dann vielfältig, daß sie entweder unter dem Schwerdt sterben, oder ihr Leben am Galgen, oder unter dem Rad ausröcheln. Sie gehen dann mit Muth in den Tod, [...]. Viele von ihnen gehen auch von den Zuchthäusern aus in die andere Welt, und die bessere finden ihr Grab auf bürgerlichen Kirchhöfen an abgeforderten Oertern.


§. XXXI.
Patriotische Wünsche und Vorschläge, die Zigeuner betrefend. (Text nicht aufgenommen)

 

Nachtrag:

(Hinweis auf die Schrift von Grellmann]:
Nach dieser Schrift sind die Zigeuner im Jahr 1417 nach Europa gekommen, und im Jahr 1418 sahe Zürch= ao. 1422 aber Basel die erste Zigeuner, davon der Horten=Anführer Michael geheissen, [...]; jede Horde hatte ihren Anführer, die bald für Grafen bald für Herzoge oder Könige von Klein=Egypten gehalten seyn wollten, und eine ao. 1419 nach Augsburg gekommene= nur aus 70 Mann bestandene Horde hatte zwei solcher Herzoge und noch etliche Grafen dabei. [...]
Welch ein grosser Nuzen würde es also nicht nur für diese= sondern auch noch andere Länder seyn, wann eine solche ungeheure Zahl von gröstentheils Müßiggängern, Bettlern, Betrügern, Räuber und Dieben, die immer noch erndten, wo sie nicht gesäet haben, und mit Vergnügen verzehren, was die fleissige Hand eines anderen hervorgebracht hat, zur arbeitsamen und nüzlichen Unterthanen gemacht würden!
Uebrigens hat Herr Professor Grellmann nun gründlich erwiesen, daß die Zigeuner aus Ostindien abstammen, und die Hindostanische mit ihrer Sprache viele Gleichheit, auch oft einerlei Bedeutung habe, Fritschens Meinung also ganz irrig seye, indeme die Zigeuner Sprache ganz keine Aehnlichkeit mit der Rottwelschen habe.

 

Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 43, Bü 43.

 

Beispielhafte Einträge in Gauner- und Diebslisten (Hohenems 1749, Backnang/ Lorch (?) 1776; Sulz 1784)

 

Gauner- und Diebsliste Hohenems 1749:

Nr. 30: "Ein Ziegeuner/ dessen Nahme nicht bekannt/ bey 35. Jahr alt/ ein grosser/ und starcker Kerl/ eines scheußlichen Angesichts/ und schwartzer fürchterlicher Augen/ schwartzer Haare/ und Barts/ trage ein grünes Kleid/ und einen Rantzen von Kalbs=Haut."
Nr. 31: "Dessen Camerad bey 25. Jahr alt/ mittler Postur/ magern Angesichts/ und schwartzer Haare/ auch ein Ziegeuner."


Zigeunerliste Backnang/ Lorch (?) 1776:

Nr. 1: "Johannes Reinhardt, ein Zigeuner, mit dem Zunahmen Duli, ein kleiner Pursch von 18 biß 20 Jahren, Kohlschwarzer Haaren, braunen Zigeunerischen Angesichtsfarbe, hat nichts auf dem Leib, als ein Brustuch von einem bunt gestreiften Zeuglen, schmuzige weiß lederne Hosen, und weiße Strümpfe."
Nr. 2: "Michael Weiretter, kein Zigeuner von Geburt, von gleichem Alter [...]"
Nr. 6: "Herman Lagarin, habe von Würtemberg einen Paß zum Porcellan=Handel, und seye ein ehrlicher Mann, der nichts stehle."
Nr. 22: "Leopold, ein 60 jähriger Zigeuner, ganz klein, habe einen schwarzen Schnauzbarth, trage ein grünes Kleid, und handle mit Porcellan, das er auf einem Pferd bey sich führe."


Sulzer Zigeunerliste 1787:

Inquisit Nr. 14: "Johannes Jocobi, oder Geuder, [...] ungefehr 50. Jahr alt, und 6 Fuß groß, rahner Postur, schnagern, schwarzbleichen Angesichts, schwarzbrauner Augen, und schwarzer, in einen Zopf geflochtener Haare, ware kaiserlicher Soldat, hat sich aber nach seiner ersten Desertion mit seinen Brüdern und andern Cammeraden auf das Stehlen gelegt, bis er endlich wieder Soldat worden. Nach Verfluß seiner Capitulations-Zeit aber begabe er sich wieder zu den Seinigen, bei denen er seit Ao. 1785 verblieben, bis er in Graubünden mit ihnen eingefangen worden. Ist lebenslänglich nach Hohgentwiel condemnirt worden."
Inquisitin Nr. 27: "Catharina Bremin, [...] ist keine Zigeunerin, und eine deutsche, [...] redet die schwäbische Sprache schnell und laut, ist über ein Jahr lang mit dem Erzdieb und Strassenräuber Meizelen [...] als Hure herum gezogen, nachdem er sie aber verlassen, zu dem Hannikel geraten, mit welchem sie endlich zu Chur in Graubünden eingefangen [10 Jahre Zuchthaus Ludwigsburg]."
Inquisitin Nr. 29: "Maria Anna Theresia, Zigeunerisch Adelhaid, ihrem Angeben nach in dem Jahr, in welchem Freiburg das erstemal eingenommen worden, [...] gebohren, ungefehr etlich 60 Jahr alt, [...] langlecht schwarzen Zigeunerischen Angesichts, schwarzbrauner Augen, und schwarzer Haare, redet, wie die meiste Zigeuner die Ueber=Rheiner Sprache, gemach und weinerlich, hat mehrere Beihalter gehabt [...]."


Inquisitin Nr. 32: "Theresia Ottenbacherin, die gewesene Beischläferin des 4ten Haupt=Mörder Nottelens, [...] wird auf dem Land des Wildenmanns Theres genannt, [...] etlich 20 Jahr alt, [...] vollkommen rothbrechten Angesichts, mit etwas Blatter=Masen, und ziemlich Sommerflecken, hat eine breite Stumpfnase mit kleinen Löchern, weswegen sie im Reden etwas näselt, graue Augen, und gelbe krause Haare, ist, ohngeachtet sie keine Zigeunerin von Geburt, aus Leichtsinn und Wollust doch unter solche geraten [...]."

 

Nr. 5: "Marianna, eine Zigeunerin, nach welcher Sprache sie Mamemoi heisse, [...] ernähre sich neben dem Betteln mit Wahrsagen, worinnen sie wohl erfahren, habe ein Mädlen, und zwei Büblen, wovon das kleinste blind seie."
Nr. 30: "Michael Köler, vulgo Kina, ein kleiner, diker Kerl, und wahrer Zigeuner [...]."
Nr. 32: "Suphel, dessen Eheweib [...] Geflügel fange sie, wo sie könne. Seie einmal mit ihren Kindern durch Lorch geführt, das Pferd ihr daselbst weggenommen, und sie ohne Strafe wieder entlassen worden."
Nr. 177: "Der Kleine Kallmani, ein Bruder von der Gackliche zwischen 40 und 50 Jahren, klein aber dick, schwarzlecht gedupften Angesichts, schwarzbrauner Augen und Haare, trage einen weissen Bauren=Kittel, binde Häfen, mache hölzerne Schuhnägel und Kratten."
Nr. 178:
 "Mariana, sein Weib, eine Teutsche, könne auch etlich und 40 Jahr alt seyn, mittlerer Gröse und Postur, runden rothbacketen Angesichts, brauner Augen und Haare, habe einen blauzeugenen Rock und barcheten Küttel an, und 2 Kinder gehabt, welche aber noch ganz klein seyen."

 

 

Quelle: Vorarlberger Landesarchiv Bregenz, HoA 78,2; Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, wirt. R., fol. 129 (Generalrescripte), Reihe 1, Bd. 36; Hauptstaatsarchiv Stuttgart, A 43, Bü 43.