von
Wolfdietrich Schnurre
1988,
Berlin
Die Sippe reist schon lange zusammen. Sie ist
mal aus Ungarn, über Polen, nach Deutschland gekommen. Die Familien
heißen Magyrecki, Golbatschenski, Schlomichl, Koslowski, Woitschach,
Dombrowski, Wollatscheck. Nur wenige aus den Familien können rechnen, lesen und
schreiben. Die Alten können noch Ungarisch; auch Polnisch können ein Paar.
Untereinander sprechen sie Romani. Kürzlich hat man einmal versucht, die Sippe
Seßhaft zu machen. Das heißt, man hat ihr am Rand einer Müllhalde ein paar Baracken
zugewiesen.
Nach einigen Tagen ist Ruben Golbatschenski zum
Landrat gegangen.
"Es gibt ein Sprichwort bei uns", hat erzum
Landrat gesagt, "das geht so: Ein sitzender Zigeuner ist nur am Lagerfeuer
denkbar oder auf seinem Koffer. Erlauben Sie, daß wir aufhören, auf unseren
Koffern zu sitzen".
Seitdem reisen sie wieder. Nacht für Nacht sitzen die
Familien am Feuer. Den Hunden zucken die Läufe im Schlaf. Die Männer erzählen
sich Neuigkeiten. Es sieht schön aus, sich in all ihren Ketten und Ringen das
Feuer spegeln zu sehen.
"Doch schöner noch", sagt Ruben,
"spiegelt sich das Feuer in den Augen deer Frauen".
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade, Berlin
1988, Seite 20
Die Älteren sind noch im Pferdehandel tätig gewesen.
Heute handeln die Sinti mit Möbeln, Autos und Schrott. "Der Pferdehandel",
sagt Papo Mihailo, "ist ehrenwerter gewesen. Denn immer war da der
Fachmann gefordert. Wenn der Gadscho uns manchmal auch Roßtäuscher schalt.
Capit‚; immerhin haben wir noch ein altes in ein junges Pferd zu verwandeln
vermocht. Schrott aber", sagt Papo Mihailo, "bleibt Schrott. Ein Auto
kannst du erneuern; verjüngen kannst du es nicht. Und wie sind wir auf unseren
Pferden geritten!"
Papo
Mihailo lügt. Noch nie hat ein Zigeuner
sich nach einem Pferderücken gesehnt. Die Pferde hatten Wagen zu ziehen. Sie wurden
verbilligt erworben und dreimal so teuer verkauft.
"Wobei man bedenken muß", sagt Papo
Mihailo, "wie wir aber an so einem Tier auch gearbeitet haben: Erst mal,
damit das Alter nicht ablesbar ist, die flach gekauten Zähne schartig gebrannt.
Dann Stechapfelsaft in die Lefzen geträufelt. Was auch das dampfigste Pferd
fürs erste wieder durchatmen läßt. Nun Pfeffer ins Futter, auf daß es sich
prall säuft, das Tier. Und jetzt noch mit Schuh-Creme Glanzlichter gesetzt auf
das räudige Fell. Die du jedoch mit Pferde-Urin anrühren mußt. Denn nach
Salmiak darf das Pferd riechen, nach Schuhwichse nicht."
"Beim Verkauf allerdings ist Eile geboten. Denn
so ein ältlicher Gaul", sagt Papo Mihailo, "kann oft das Wasser nicht
halten. Und pißt er erst mal, verwandelt er sich im Nu in seinen ursprünglichen
Zustand zurück. Da ist es dann angebracht, den Pferdemarkt schon seit einer
Weile verlassen zu haben."
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin
1988, Seite 23-24
Es ist Morgen. Die Männer in den Wohnwagen strähnen sich
gähnend das Haar und boxen sich ächzend noch mal das Kissen zurecht. Die Frauen
bereiten sich aufs Findengehen vor. Sie rauchen und binden die Kopftücher um.
Die Verheirateten knoten sie unter dem Kinn, die anderen im Nacken. Die Beutel
und Säcke haben sie schon unter den bodenlangen Röcken verstaut. Denn Findengehen
heißt mitnehmen wollen; mitnehmen wollen, was Wert hat. Und Wert hat alles, was
schmeckt, schmückt, wärmt, verkäuflich ist oder Kaufen ermöglicht.
Zum Findengehen kann man auch Hausbettel sagen. Wohlwollende
Gadsche setzen für Hausbettel Hausierhandel ein. Denn jede der Frauen schultert
schließlich ihr Bündel. Jedes Bündel enthält schließlich Teppichbrücken,
Wolldecken, Spitzen.
Es gibt auch Sinte-Frauen, die Spitze verkaufen. Das sind keine echten
Zigeunerfrauen. Eine echte Sintizza verkauft nicht. Verkauf ist immer Verlust.
Es sei denn, man verkauft, was man kann: Slava kann wahrsagen aus Kaffeesatz.
Mara bespricht krankes Vieh. Romeika liest aus der Hand. Dikeli ist Meisterin
im Kartenaufdecken. Morenka versteht sich auf Schwarze und Weiße Magie. Nina
kann Teufel austreiben. Hana hört die Stimmen Gestorbener. Tina bannt Geister.
Lele kann Erbschaften riechen. Weiberle betet mit Erfolg über Geld. Hucka hat
heilende Hände. Levarka kräftigt ermüdetes Blut. Worscha läßt Warzen
verschwinden. Margodscha geht gegen Unfruchtbarkeit an. Danka ahnt Wasseradern.
Kaschkeraka weiß, wie man klug werden kann.
So reich sind die Frauen.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin
1988, Seite 26-27
Eine echte Sintizza verkauft nicht. Verkauf ist immer
Verlust. Es sei denn, man verkauft, was man kann: Slava kann wahrsagen aus
Kaffeesatz. Mara bespricht krankes Vieh. Romeika liest aus der Hand. Dikeli ist
Meisterin im Kartenaufdecken. Morenka versteht sich auf Schwarze und Weiße
Magie. Nina kann Teufel austreiben. Hana hört die Stimmen Gestorbener. Tina
bannt Geister. Lele kann Erbschaften riechen. Weiberle betet mit Erfolg über
Geld. Hucka hat heilende Hände. Levarka kräftigt ermüdetes Blut. Worscha läßt
Warzen verschwinden. Margodscha geht gegen Unfruchtbarkeit an. Danka ahnt
Wasseradern. Kaschkeraka weiß, wie man klug werden kann.
So reich sind die Frauen.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin
1988, Seite 27
Gina und
Kukli sind einander versprochen. Dabei sind beide zusammen erst
sechzehneinhalb. Kukli sagt: „Jeder Sinto braucht Frauen, die für ihn arbeiten
gehn. Warum sollst du nicht meine erste Frau sein?"
Gina antwortet ihm: „Jede Sintizza will geehrt werden
in ihrer Familie. Wenn ich nicht genug Kinder kriege von dir, nehme ich mir eben
noch ein paar andere Männer."
aus: Wolfdietrich Schnurre,
Zigeunerballade. Berlin 1988, Seite 46
Stellt den Fernseher aus”, sagt Romeika; “ich erklär
euch die Hände.” Hanenka und Leana sehen einander an; sie sind wütend. Romeika
sagt: “Ihr müßt unterscheiden. Manche von uns Frauen verstehen wirklich in den
Händen zu lesen. Wohlbemerkt: In den Händen der Gadsche. Wir Roma sagen
einander nicht wahr. Es entstünde zuviel Streit unter uns, wenn wir es täten.
Andere Frauen gehen beim Handlesen von ihrer Einfühlung aus. Schließlich, was
will wohl ein sorgenvoller Gadscho schon hören; und er soll ja bezahlen. Also
müssen wir ihn auch bedienen.
Was mich betrifft, ich gehe beim Handlesen gern von
einer gesicherten Grundlage aus. Deshalb, Hanenka, ist das Ausspionieren vorher
so wichtig, die vertrauliche Unterhaltung. Jetzt sollte man allerdings das
Patrin, die Zeichensprache beherrschen. Denn man muß ja beim Verlassen des
Hauses der Wahrsagerin, ohne mit ihr gesehen zu werden, von seiner neu
erworbenen Kenntnis berichten. Nun, Töchter, das üben wir noch.
Dann gibt es aber auch noch unser eigenes Wissen, was
die Hände betrifft. Ich meine vor allem das Wesen der Finger. Beseht euch den
Daumen. Er wendet sich ab von der Hand. Er ist ein Einzelgänger; er verläßt
seinen Stamm. Alle seine Wege führen ins Unglück; besonders die Wege des
linken. Es sei denn, dieser linke wird von der Hand eines Toten gelöst, der
schon neun Tage im Grab liegt. Ein solcher Totendaumen leuchtet dem Dieb. Die
Hausbesitzer versetzt er in ohnmächtigen Schlaf.
Der Zeigefinger ist fröhlich. Er ist der Finger des
Glücks. Hütet euch, ihn zu verletzen. Fällt auch nur ein einziger Blutstropfen
von ihm auf die Erde, saugen die Nivaschi, die Wassergeister ihn auf, und ihr
werdet eines Tages ertrinken.
Der Mittelfinger ist der Finger der Toten. Muß ein
Kind ohne ihn sterben, kehrt es als Vampir zurück. Aber auch wenn er einem
toten Erwachsenen fehlt, hat der keine Ruhe im Grab. Höchstens, seine
Verwandten haben ihm einen Mittelfinger aus Holz in den Sarg mitgegeben. Habt
ihr jemand aus den Augen verloren und wollt wissen, wo er sich aufhält, laßt
drei Blutstropfen des linken Mittelfingers auf den Nagel des rechten fallen.
Aus der Beschaffenheit der entstehenden Flecke werdet ihr die Antwort
erfahren.
Der Ringfinger ist unser Arzt. Umwickelt ihn bei Fieber mit einem roten Faden,
und der Krankheitsschweiß tritt wieder in die Poren zurück.
Der kleine Finger ist vorlaut und stiehlt. Deshalb
wird er auch Kaschkeraka, Elster genannt. Wir haben ihn, um kleine, aber
wertvolle Gegenstände unauffällig verschwinden lassen zu können. Und nun,
Leana, wiederhole mir das.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin
1988, Seite 54-55
Doch; etwas ist zurückgeblieben; diese Bewegung: Baba
Tamara streicht sich auch dann eine Haarsträhne unter das Kopftuch zurück, wenn
gar keine Strähne herabgerutscht ist. Das stammt noch aus der
Konzentrationslagerzeit. Tamara hat sich an jene Geste gewöhnt, nachdem man sie
kahlgeschoren hatte. Es sollte eine Erinnerung sein.
Denn ihr Haar war dicht und ist ihr immer tief auf
die Schultern gefallen. Es sah schön aus, wenn ihr eine Strähne über die Wange
wehte. Die Männer haben das immer gemocht. Nur einer mochte es nicht, Tamaras
Mann. Sie lächelt, wenn sie an ihn denkt.
“Cyrill”, sagt sie, “ist im Rauch aufgestiegen, ein Fliegengewicht. Leichter
ist kein Sinto gen Himmel gefahren.” Und immer, wenn sie sich das unsichtbare
Haar so zurückstreicht, gibt der herabrutschende Ärmel auch wieder die Zahl
frei; sie hat fünf Stellen.
“Ich weiß”, sagt Baba Tamara; “aber Leukoplast drüberkleben? Sieht das nicht
aus, als hätt ich mir den Unterarm an einer Brombeerranke geritzt?”
Niemand ist täglich so hungrig wie Kukas. Man kennt ihn auf
Reisen und im Lager nur kauend. Kukas kaut alles. Baumrinde und Fleischfasern
vom Knochen am liebsten. Selten, daB er mal keine gekochten Eier in den
zerbeulten Rocktaschen trägt.
Es gibt keine Beere, keinen Vogel, kein Niederwild, die Kukas’ Frau Tita ihrem
Mann nicht schon gekocht, eingepökelt, gebacken oder angeschmort hätte. So ist
Kukas auch der einzige in der Sippe, der mit drei Eisschränken reist. Sie sind
meist leer. Aber es beruhigt Kukas zu wissen, der Raum für Nahrung ist
da.
Er redet auch gerne vom Essen. Die Anfangssätze sind fast
immer die gleichen. Kukas schmatzt, er leckt sich die Lippen. Er sagt: “Ich
möchte wirklich gern wissen, wie das und das schmeckt.”
Es gibt aber niemand in den Familien, der sich darüber lustig
machte. Denn jeder weiß, hätte Kukas als Kind nicht so hungern müssen in
Auschwitz, er wäre mit einer Brennesselsuppe zufrieden pro Tag.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade, Berlin
1988, Seite 70
Mit der Namensgebung lassen Morenka und Vataf sich
Zeit. Denn der bürgerliche Name des Kindes sagt wenig. Der ist für die Behörden
gut. Der kann so geschrieben werden und so. Den darf getrost auch der Pfarrer
aussprechen.
Kein Sinto wird den andern mit diesem Namen
anreden.
"Sondern worauf es ankommt", sagt Baba
Milina, "das ist der romano lab; der Name, den wir Roma uns geben. Mit dem
ein Zigeunerkind wird, was es vom Charakter her ist. Das kann man aber erst
sagen, wenn das Kind sich mit dem vertraut zu machen beginnt, was es umgibt.
Das hat Zeit. Denn es ist wichtig, daß der wahre Name ihm paßt wie ein
maßgeschneidertes Hemd. Diesen Namen gibt es noch nicht; Vater und Mutter
werden ihn gemeinsam erfinden. Gut, es gibt auch Sinti, die ihn dem Deutschen
entleihen; Karl sagt ja auch etwas aus. Aber wir sollten mit dem Deutschen
zurückhaltend sein; aus dem Romani werden schönere Namen gebaut. Lustigere,
treffendere dann aber auch. Sie schmecken, wenn man sie spricht. Und sie
stimmen vor allem; Kaschkeraka zum Beispiel heißt die Tante Django Woitschachs.
Denn sie ist schon als Kind so schwatzhaft wie eine Elster gewesen. Und da
Schwatzhaftigkeit zunimmt, wächst Kaschkeraka immer mehr in ihren Elsternamen
hinein. So soll es sein." Mutter Morenka hat da Vataf auch schon einen
Vorschlag gemacht. Das Kind mag geriebene Mohrrüben gern. Und es schmatzt
verzückt, zeigt man ihm eine. Da es nun langsam auch selber die Farbe einer
Mohrrübe anzunehmen beginnt, ist Merki als Name vielleicht gar nicht so falsch.
Denn Merki heißt Möhre.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade, Berlin
1988, Seite 86
Gako Koslowski liegt im Sterben. Gako ist der
Älteste, er ist älter als Baba Tamara. Doch er hätte gerne noch länger gelebt.
Niemand hat das Reisen, das Unterwegssein so sehr geliebt wie er mit seinen
plattgelaufenen Füßen.
"Sei nicht unzufrieden", sagt Baba Tamara
zu ihm; "schon gar nicht jetzt, wo die größte aller Reisen beginnt."
Sie spricht es zu ihm, während sie ihn ins Freie tragen. Es hätte gegen die
guten Sitten verstoßen, würde Gako Koslowski im Wohnwagen sterben. Weder Geburt
noch Tod finden im Wohnwagen statt. Er soll unbefleckt bleiben von Blut und
Verderben. Gako wird in die Mitte zwischen die Autos und Wagen gelegt. Kein
Radio, kein Fernseher läuft. Alle Familien sitzen um ihn herum. Man unterhält
sich. Man ißt, man trinkt, man raucht. Trauer, Bewegung, Kummer zeigt niemand.
Der Sterbende soll noch einen vollen Zug Leben einatmen können. Und das Leben
achtet nicht auf den Tod. Es tut, als ob es den Tod nicht kenne.
Aber der steht längst im Schatten bereit und stimmt
verstohlen seine Gitarre. Schon der erste Takt läßt Gakos alten, ausgemergelten
Körper erschauern. Und jetzt hat der Tod sich über ihn gebeugt. Dies ist die
Melodie, die das Leben besiegt. Gako bäumt sich auf wie im Tanz. Dann fällt er
zurück und erstarrt.
"Er ist tot", verkündet Baba Tamara.
Sofort fangen alle Versammelten an zu schluchzen, zu
weinen, zu schreien. Männer und Frauen äußern den Schmerz auf vielerlei Weise.
Es ist ja nicht nur Gakos Tod, den man betrauert. Man beweint auch gleich den
eigenen mit. Selbst die Kinder scheinen Mitwisser zu sein, an ihren Tränen
gemessen.
Die Lamentationen dauern bis tief in die Nacht.
Irgendwo beginnt sich das Jammern und Klagen jedoch dann zu ordnen, und es werden
rhythmische Sprechchöre draus, die die Verdienste des Toten benennen. Da Gako
Koslowski eigentlich alle Zigeunertugenden in sich vereinigte, dämmert es schon,
wie die ersten sich steif und fröstelnd erheben.
Schließlich hockt nur der Totenwächter noch neben dem
Leichnam. Er hat sich mit dem Rücken gegen die Morgenbrise gedreht, um die
Kerzenflammen zu schützen. In drei Tagen wird das Begräbnis stattfinden.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin
1988, Seite 116-117